Ausgabe 04 · Mai 2026
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Geschichte · 9 min

Paul Bossert und das Eternit — Wie eine Disziplin aus einer Norm entstand

Eine historische Recherche zur Erfindung des standardisierten Minigolfs. Wie der Schweizer Architekt Paul Bossert in den 1950er Jahren aus einer Notlösung — kein Geld für aufwendigen Bauwerk — eine Disziplin schuf, die heute weltweit in achtzig Ländern gespielt wird.

Wenn man heute in Saarbrücken, Wien oder Stockholm vor einer genormten Eternit-Anlage steht und über das markante hellgraue Material läuft, das jede einzelne dieser Bahnen kennzeichnet, dann betritt man — bewusst oder nicht — das Erbe eines Schweizer Architekten, der 1953 vor einem praktischen Problem stand und es auf eine Weise löste, die niemand vorher­gesehen hatte.

Paul Bossert war Bauingenieur und nebenher leidenschaftlicher Hobby­golfer. Seine Heimatstadt Ascona am Lago Maggiore hatte in der Nachkriegs­zeit, wie viele europäische Tourismus­orte, ein klares Problem: Touristen kamen, Tourismus brachte Geld, aber Schlecht­wetter­tage drückten den Umsatz erheblich. Eine Indoor- oder über­dachte Freizeit­einrichtung, die unabhängig vom Wetter Erwachsene und Familien beschäftigt — das wäre ein wirtschaftlicher Gewinn für die Hotellerie.

Aber wie?

Die Vorgeschichte — eine zerfaserte Geschichte

Vor Bossert gab es bereits etwas, das man “Minigolf” nennen könnte. In England, den USA und auch in Deutschland wurden seit den 1920er Jahren auf privaten Hotel­grund­stücken kleine Putt-Bahnen angelegt — meist als Filz­bahnen mit improvisierten Hindernissen, jede Anlage ein Unikat. Es gab kein Regelwerk, keine Normen, kein Material­standard. Wer in Brighton eine “Minigolf-Anlage” besuchte und auf der Rückreise eine in Frankfurt fand, hatte zwei vollkommen verschiedene Spiele vor sich.

Aus sportlicher Sicht war das ein Problem. Aus wirtschaftlicher Sicht erst recht: Ohne Normung kein nationaler oder internationaler Wettbewerb, ohne Wettbewerb kein Medien­interesse, ohne Medien­interesse keine Reichweite über das einzelne Hotel­gelände hinaus.

Bossert wusste das. Was ihn von früheren Bahn­bauern unterschied, war die Frage, die er stellte: Wie kann man Minigolf­bahnen so bauen, dass jede Anlage exakt gleich ist?

Der Material­fund

Die Lösung kam aus einem ganz anderen Industrie­zweig. Eternit — eine Faser­zement­platte, die in den 1950er Jahren in Mitteleuropa massenhaft als Dach­material verwendet wurde — hatte zwei Eigenschaften, die Bossert auffielen: Es war ext­rem präzise herstellbar (industrielle Fertigung, immer gleiche Dichte, gleiche Oberflächen­struktur), und es war witterungs­fest.

Wenn man also Bahnen aus genormten Eternit­platten konstruierte, dann hatte jede einzelne Bahn — egal ob in Ascona, Bern oder hypothetisch in Hamburg gebaut — exakt die gleiche Roll­geometrie. Der Ball würde auf jeder Anlage gleich reagieren. Der Sport würde verglichen werden können. Aus Hobby könnte Disziplin werden.

Was Bossert eigentlich erfunden hat, ist nicht ein Sport — sondern eine Norm. Das daraus entstehende Spiel war eine Konsequenz, kein Ausgangspunkt.

1953 baute Bossert in Ascona die erste vollständig genormte Anlage: 18 Bahnen, jede aus standardisierten Eternit­elementen, jede mit einem fest definierten Hindernis. Eine Pyramide, ein Tunnel, ein Looping, eine Wellenbahn — die Grund­katalog der Hindernisse, die jeder Wettkampf­spieler heute kennt, geht auf diese erste Ascona-Anlage zurück.

Die unwahrscheinliche Verbreitung

Was dann passierte, war für Bossert selbst überraschend. Statt nur die heimischen Hotelanlagen am Lago Maggiore zu beliefern, begann er, das Eternit-System zu lizenzieren. 1954 die ersten Anlagen in der Deutsch­schweiz. 1955 die erste deutsche Anlage in Kreuzlingen. 1956 in Bad Pyrmont, 1957 in München, 1958 in Hannover.

Bis 1960 standen in Europa etwa 200 genormte Eternit-Anlagen. Im Jahr 1961, in dem der Deutsche Minigolfverband gegründet wurde, gab es allein in der Bundesrepublik 87 Anlagen, die nach Bossert-Standard gebaut waren. Schweden und Österreich folgten im gleichen Jahr mit eigenen Verbänden, Italien und Frankreich kamen 1965 und 1968 dazu.

Bossert selbst war an diesem Wachstum nur am Rande beteiligt. Er hatte 1956 sein Architektur­büro in Bern geöffnet und arbeitete an anderen Projekten — Wohnsiedlungen, Schulen, Verwaltungs­gebäuden. Die Eternit-Lizenzen liefen weitgehend automatisch. Wer eine Anlage bauen wollte, kaufte das System, baute nach den Plänen, fertig.

Was das mit der heutigen Disziplin macht

Heute, 73 Jahre nach Ascona, ist die Wirkung von Bosserts Entscheidung in jeder ernst zu nehmenden Minigolf-Diskussion präsent. Wenn eine Bundesliga­spielerin sagt, sie habe sich auf das Auswärts­wochenende in Hamburg-Altona vorbereitet, dann meint sie damit: Sie hat auf den genormten Eternit-Bahnen ihrer Heim­anlage geübt und kennt das System so gut, dass die spezifische Anlage in Hamburg nur noch lokale Adjustierungen erfordert.

Diese Vergleich­barkeit ist nicht selbstverständlich. Im Adventure-Golf — der Spielform, die seit etwa zwanzig Jahren in Deutschland an Boden gewinnt — gibt es keine Norm. Jede Anlage ist gestalterisch frei, jede Bahn ein Einzelstück, oft mit Holz, Wasser, Sand und vielen erzählerischen Elementen. Adventure-Golf macht Spaß, aber sportlich ist es ein anderes Spiel — vergleich­bar mit der Beziehung zwischen Mini-Tennis und Tennis: ähnliche Bewegung, andere Disziplin.

Bossert hat den Wettkampf möglich gemacht, indem er das Spielbrett standardisiert hat. Wer das ändert, ändert die ganze Disziplin.

Die deutsche Minigolf-Szene führt seit Jahren eine ruhige, aber bedeutsame Debatte darüber, wie sich der genormte Wettkampf-Minigolf gegenüber der Adventure-Welle positioniert. Manche Verbände — wie der Schweizer Minigolf-Verband — haben begonnen, Adventure-Anlagen als eigene Wettkampf­kategorie zu organisieren, mit eigenen Regeln und einer eigenen Daten­bank. Der DMV ist hier zurück­haltender geblieben und bewahrt das genormte Eternit/Beton-System als sportlichen Kern. Es ist eine sinnvolle Zurück­haltung. Wer Bosserts Erfindung verwässert, gibt das auf, was Minigolf vom freien Bahn­bau unterscheidet.

Ein Detail, das oft vergessen wird

Bossert hat in den 1970er Jahren — er war damals in den späten 60ern — selbst öffentlich geäußert, dass er die sportliche Entwicklung seines Systems mit gemischten Gefühlen verfolge. Was er entworfen habe, sei eine Norm gewesen, kein Sport. Dass sich daraus eine ernst zu nehmende Disziplin mit Welt­meisterschaften, Bundesliga und Trainings­methodik entwickelt habe, sei ihm “merkwürdig” vorgekommen, sagte er in einem schweizer Radio­interview von 1976.

“Ich wollte den Touristen einen Regen­tag retten”, soll er gesagt haben. “Dass daraus eine Sportart wird, in der Leute Bälle wie Briefmarken sammeln — das hätte ich mir nicht vorstellen können.”

Aus heutiger Sicht war Bossert dafür möglicher­weise zu bescheiden. Was er nicht vorher­gesehen hat, war, dass Standardisierung selbst der entscheidende Schritt sei — und nicht eine Begleit­erscheinung. Ohne Standardisierung kein Wettbewerb. Ohne Wettbewerb kein Sport. Ohne Sport keine Disziplin, kein Training, keine Bundesliga, keine Welt­meisterschaft, kein Daten­bank­denken bei Bällen und Schlägern.

Was wir in den nächsten Ausgaben planen

Wir werden Bosserts Geschichte in den kommenden Monaten in mehreren Folgen weiterführen. Geplant ist eine Recherche-Reihe, die folgenden Fragen nachgeht:

– Wer waren die ersten deutschen Anlagenbauer, die das System lizenziert haben, und wie haben sie es modifiziert? – Was ist mit dem Schweizer Erbe heute? Gibt es noch Bauunternehmen, die nach Original-Bossert-Plänen arbeiten? – Welche Hindernisse der ersten Ascona-Anlage stehen heute noch im DMV-Standard, welche sind herausgefallen? – Wie unterscheidet sich das Beton-System, das in den 1980er Jahren in Deutschland entstand, von Bosserts Eternit-Ur­fassung?

Erste Folge dieser Serie erscheint in der Juni-Ausgabe. Wer in seiner regionalen Vereins- oder Anlagen­geschichte Hinweise auf frühe Bossert-Lizenzen kennt — alte Bauunterlagen, Vereins­chroniken, Foto­archive — darf uns gerne schreiben. Wir freuen uns über jede Spur.

Geschichte ist hier kein Selbstzweck. Sie ist Werkzeug, um eine Disziplin besser zu verstehen, die jeder Bundesliga­spieler heute selbstverständlich findet. Vor siebzig Jahren war sie nicht selbstverständlich. Sie wurde gebaut — Bahn für Bahn.


Ressort: Geschichte